Chardonnay mit Neuholzeinfluss

BarriquekellerHast Du schon mal einen Chardonnay im Glas gehabt, dessen Duft und Geschmack von den Einflüssen neuer Eichenholzfässer geprägt war? Du erkennst solche Exemplare daran, dass sie in der Nase meist intensive Toast- und Karamellaromen aufweisen, sie Dich aber auch gelegentlich an getrocknete Bananen, Haselnüsse, Sahne und Butter erinnern können. Am Gaumen wirst Du so manchen Vertreter nicht immer eindeutig trocken erleben, aber meist körperreich mit einer angenehm runden, cremigen Textur. Kommen sie aus kühlen Anbaugebieten, so verbinden sie – wenn denn alles gut geht – die Einflüsse des neuen Holzes mit der erfrischenden und vitalisierenden Wirkung ausreichend vorhandener Säure. Weine aus wärmeren Klimaten (Australien, Kalifornien…) neigen zu mehr Fülle, was auch schon mal zulasten von Frische und Struktur gehen kann. Worüber ich mich ganz besonders freue ist, dass ich nicht nur im gehobenen Preissegment auf immer feinere und komplexere Weine mit balanciertem Neuholzeinsatz treffe, sondern im öfter auch schon im mittleren Segment zwischen 10 und 20 Euro.

Barriques für Weißwein?

In der Weißweinbereitung kommen Barriques, diese kleinen Eichenholzfässer mit einem Fassungsvermögen von rund 225 Liter sehr viel seltener zum Einsatz als im Falle der Rotweinproduktion. Wenn es geschieht, dann wird nicht der fertige Wein, sondern bereits der Most in sie eingelagert, um darin zu vergären. Damit verfolgen die Kellermeister das Ziel, frühzeitig eine positive Wechselwirkung zwischen neuem Eichenholz, Hefe und Sauerstoff herzustellen, nicht zuletzt um einer einseitigen Dominanz von Holzaromen zu begegnen. Nach Ende der Gärung werden diese Weine noch eine längere Zeit in Kontakt mit der Hefe belassen. Denn selbst wenn kein Zucker mehr im Wein ist, verrichten die Hefen wertvolle Dienste.

Hefen als Entwicklungshelfer?

Die Hefen entfalten eine stark reduktive Wirkung, schützen den Wein also vor negativem Sauerstoffeinfluss und ersetzen somit eine kräftige Schwefelgabe. Ungeschwefelte Weißweine  werden nicht braun, solange sie auf der Hefe liegen. Die Hefezellen setzen außerdem Aminosäuren, Fettsäuren und vor allem Eiweiße frei, die im Wein für Komplexität, Cremigkeit und Fülle sorgen. Der Trick an der Sache: Diese Effekte bringen nur Hefezellen, die sich im Wein in der Schwebe befinden. Ein fest abgesetztes Hefedepot hat diese Wirkung nicht. Daher gehen die Kellermeister zwei- bis dreimal pro Woche mit dem „Rührlöffel“ durch den Keller und versuchen vorsichtig, die Feinhefe in den Fässern aufzurühren , was als „bâtonnage“ bezeichnet wird.

Biologischer Säureabbau?

Viele Winzer lassen ihre im Barrique vergorenen Weißweine meist bis in den Sommer nach der Lese auf der Hefe liegen. In dieser Zeit findet auch der biologische Säureabbau statt, der für die meisten weißen Barriqueweine obligatorisch ist. Um allerdings überhaupt so intensiv mit der Hefe arbeiten zu können, sollte es sich um hochkarätige, gut strukturierte Weißweinmoste und sauberen, vorgeklärten Most handeln. Wie keine zweite Rebsorte besitzt die Chardonnay-Traube eine besondere Affinität gegenüber dem Barriquefass. Stilistisch unterscheiden sich im Barrique vergorene von im Edelstahltank vergorenen Weißweinen im wesentlichen durch ihre zurückhaltende Säure, eine betontere Mundfülle und ein Aromaprofil, in dem die primären Fruchtnoten weitgehend durch sekundäre Komponenten der Hefe, Eiche und Reifung ersetzt sind.

Die Heimat liegt im Burgund

Chardonnay mit Neuholzeinfluss ist vor allem an der Côte d’Or zu Hause, dem Herzstück des französischen Burgunds. Die berühmtesten Ursprungsweine kommen aus vier Gemeinden der Côte de Beaune: Aloxe-Corton, Meursault, Puligny-Montrachet und Chassagne-Montrachet. Innerhalb dieser Gemeinden entstehen sehr gute Weine bereits in der Village-Kategorie, die besten wachsen jedoch in der Regel in den priviligiertesten Standorten, den Grands Crus- und Premiers Crus-Lagen. Jede dieser Lagen gibt ihren Weinen durchaus individuelle Geschmacksmerkmale, doch sind es nicht zuletzt die Produzenten, die den Weinen den charakteristischen Schliff verleihen.

Spannende französische Alternativen zur Côte d’Or

Preiswerte und durchaus seriöse Alternativen zu Puligny findet man in Saint-Aubin, während in Auxey-Duresses Meursault-ähnliche Weine entstehen. Selbst im Spektrum der AOC Bourgogne Blanc, der Basis-Appellation in diesem Gebiet, finden sich immer wieder interessante Qualitäten, vor allem aus den Händen der führenden Produzenten Léflaive, Leroy oder Coche-Dury. Im südlichen Burgund entstehen im Gebiet Pouilly-Fuissé sehr reife, geschmeidige und konzentrierte Weine, die mit der Höhe ihres Entstehungsortes an Frische und Lebendigkeit gewinnen.

Barrique-Chardonnay aus anderen Weltgegenden

Spanien produziert vergleichsweise geringe Mengen Barrique-Chardonnays. Da aber Chardonnay mittlerweile in vielen spanischen Weißwein-Appellationen zugelassen ist, tauchen mal hier, mal dort interessante Exemplare auf. Auch Deutschland, Österreich, Italien und die Schweiz produzieren kleine Mengen qualitativ nicht uninteressanter Chardonnays. Für Aufsehen sorgen seit kurzem einige Weine aus Sizilien und den Abruzzen. Aber auch in Norditalien, etwa im Piemont oder in Südtirol, entstehen einige traumhaft balancierte, im neuen Holz vergorene Chardonnays.
Aus der Neuen Welt kommen so viele im Neuholz gereifte Chardonnays, dass es schwerfällt, den Überblick zu bewahren. Viele präsentieren sich alkoholreich, extrem reif und sogar mit Restzucker ausgestattet. Doch das über lange Zeit gültige Motto „Hauptsache gefällig“, scheint im Rückzug begriffen. Übertragen auf burgundische Maßstäbe liegen die Besten etwa auf dem Niveau guter Village- oder einfacher Premier-Cru-Weine, doch sie sind deutlich preiswerter. Einige erreichen sogar das Niveau sehr guter Premiers Crus und einfacherer Grands Crus.
Guter Chardonnay aus Kalifornien kommt im Wesentlichen von den Küstenregionen. Den besten Ruf genießen die Top-Produkte aus Carneros, aus großen Teilen des Napa Valley, aus dem Anderson Valley und dem Santa Maria Valley.
Chardonnay aus Australien ist meist goldgelb, generös, sehr reif und weich, deutlich neuholzgeprägt und mit ausgeprägten Noten tropischer Früchte ausgestattet. Typische Exemplare sind Lindeman’s Bin 65 und Penfold’s Koonunga Hill. Die edelste Chardonnay-Serie kommt von Leeuwin: lang, elegant, enorm ausgewogen und komplex. Es sind Weine, die an sehr gute Pulignys erinnern.
Neuseeland bereitet – im Gegensatz zur großen Mehrzahl der meisten anderen Chardonnays aus der Neuen Welt – säurebetontere Vertreter mit mehr Frische und weniger Alkohol. Bislang kommen die besten aus der Region Hawke‘s Bay, aber auch Marlborough offeriert einige sehr lebendige und elegante Vertreter.
Die besten südafrikanischen Barrique-Chardonnays sind enorm zuverlässig geworden. Stilistisch präsentieren sie sich meist leichter, weniger wuchtig und generös als ihre kalifornischen und australischen Pendants. Man findet gute Weine auf allen Qualitätsebenen. Die Besten bewegen sich fast auf Premier-Cru-Level und kommen größtenteils aus Stellenbosch. Daneben bringen die Walker Bay, Swartland, Constantia und Robertson exzellente Vertreter hervor.

Barrique-Chardonnay zum Essen

Hummer, Garnelen, gebratene Meeresfische, Räucherfisch, Brathähnchen, Gänsebraten, gebratene Wachteln, gebratene Polenta, Pasta mit Nusssauce, knoblauchreichen Dips, zur südostasiatischen Küche

Empfehlenswerte Barrique-Chardonnay

Frankreich

Corton-Charlemagne: Bonneau du Martray, Coche-Dury, Jadot, Rapet Meursault: Dominique Lafon, Coche-Dury, Guy Roulot, Latour-Giraud Puligny: Louis Carillon, Vincent und Olivier Leflaive, Etienne Sauzet
Chassagne: Jean-Noël Gagnard, Ramonet, Lafon, Leflaive, Sauzet Saint Aubin: Marc Colin, Bernard Morey
Auxey-Duresses: d’Auvenay, Comte Armand, de Chassorney
Pouilly-Fuissé: Ferret, Château de Fuissé, Denogent, Saumaize-Michelin, D. Barraud, Guffens-Heynen

Spanien

Castillo de Monjardin, Torres

Italien

Trentino: Cesconi
Südtirol: Lageder, Schreckbichl, Kellerei Terlan, Tiefenbrunner
Sizilien: Planeta, Tasca d’Almerita
Abruzzen: Masciarelli
Piemont: Alberto Bertelli
Toskana: Felsina

Deutschland

Franken: Paul Fürst
Baden: Bernhard Huber, Dr. Heger, Johner, Alexander Laible
Pfalz: Rebholz, Dr. Wehrheim, Friedrich Becker, Messmer, von Winning, Siegrist
Rheinhessen: Wittmann, Kühling-Gillot

Österreich

Schönberger, Gsellmann, Tement, Neumeister, Prieler, Nittnaus, Achs

Schweiz

Bon Père Germanier, Simon Maye

Kalifornien

Preiswert: Beringer, Estancia, Château Souverain
Napa Valley: Stag’s Leap, Mt Veeder, Trefethen
Caneros: Saintsburry, Acacia, Buena Vista
Sonoma County: Landmark, Sonoma Cutrer, Château St Jean, Kistler
Central Coast: Ridge, Calera, Kistler, Qupé, Edna Valley, Au Bon Climat, Chalone

Chile

Echeverria, Valdivieso, Casa Lapostolle

Argentinien

Catena, Luigi Bosca

Australien

Tyrell, Mount Mary, Tarrawarra, Coldstream Hills, Howard Park, Sandalford, Plantagenet, Leeuwin

Neuseeland

Elephant Hill, Kumeu River Wines, Neudorf, Te Mata Estate Winery, Palliser, Vidal, Ata Rangi und Cloudy Bay

Südafrika

Chamonix, Cape Point, Creation, Crystallum, De Morgenzon, Mulderbosch, Jordan, Neil Ellis, Newton Johnson, Meerlust, Bouchard-Finlayson, Hamilton Russell, De Wetshof

Zum Weiterprobieren – Weine mit ähnlicher Stilistik

Generell Weißweine mit Barriqueeinfluss, vor allem weiße Graves, aber auch Weine aus den Rebsorten Weiß- und Grauburgunder

Kommentare

  1. Interessant! Schöner, ausführlicher Artikel. Macht mich nochmal neugierig auf Chardonnay – bisher verstand es tatsächlich noch keiner wirklich, mein Weinherz zu erobern.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*