Wie gut ist der Weinjahrgang 2015 in Deutschland?

_MG_3218Die Lese, der Höhepunkt eines jeden Weinjahres, ist in den meisten europäischen Weinbaugebieten in vollem Gange. Deutschland erlebt 2015 eine der frühesten Weinlesen seiner Geschichte. Das ist eine aufregende, unruhige Zeit. In den Weinbergen herrscht hektische Betriebsamkeit. Öchslegrade werden gemessen, Trauben verkostet, Pilzgefahren erruiert. Viele Winzer verbringen schlaflose Nächte in diesen Wochen. Tagsüber werden die Wettervorhersagen im Stundentakt gecheckt. Hoffen und Verzweifeln liegt jetzt ganz nah beieinander. Und obwohl es noch viel zu früh für eine zuverlässige Prognose ist, treibt die Menschen landauf landab die Frage um, ob es denn heuer wieder ein guter, vielleicht sogar ein großer Jahrgang werden wird.

2015 geht durch Extreme…

Noch im August schien ein Jahrhundertjahrgang wahrscheinlich. Die Trauben wiesen phantastische Reifegrade auf und von den ansonsten weitverbreiteten Pilzkrankheiten war keine Spur. Dann machten sich die Winzer auf das Schlimmste gefasst. Denn das, was zunächst allen wie ein großer Segen erschien, nämlich viel Sonne und wenig Regen, verkehrte sich urplötzlich ins Gegenteil. Hätte der Regen, der dann einsetzte, noch ein wenig länger auf sich warten lassen, viele Weinberge wären sicher unter enormen Trockenstress geraten. Wer durch die Weinberge spazierte, konnte die ersten vertrockneten Blätter zu Boden fallen sehen.

…könnte aber ein Weinjahrgang der absoluten Spitzenklasse werden

Doch als die Winzer dann nach den ersten Regenfällen den Gesundheitszustand der Trauben überprüften, stellten sie beruhigt fest, dass die Reben die extreme Sommerhitze recht gut verkraften konnten. Insbesondere den älteren Rebstöcken mit Wurzeln, die bis zu 10 Meter in den Boden reichen, hatte die trockene Witterung wenig anhaben können. Sie konnten sich in der Tiefe mit Wasser versorgen, das für viele andere Pflanzen unzugänglich blieb. Junge Reben, die noch nicht so tief wurzeln, mussten in 2015 in vielen Fällen bewässert werden. Insgesamt sind die Beeren jedoch wegen des Wassermangels deutlich kleiner geblieben als in den vergangenen Jahren. Das drückt auf die Menge, kann jedoch der Qualität und aromatischen Intensität zugute kommen. Vieles deutet darauf hin, dass der Wein-Jahrgang 2015 zu den absoluten Spitzen-Jahrgängen gehören wird.

Eine neue Gefahr lauert

Das Spiel ist allerdings nicht zu Ende. Das Potenzial zwar riesig, doch längst noch nicht in trockenen Tüchern. Wie immer kann das Wetter in den letzten Wochen dramatische Kapriolen schlagen. Und tatsächlich setzte im September eine regelrechte Regenrallye ein. Ein Regentag jagte den nächsten. An vielen Stellen prasselte das Vielfache des Üblichen herunter. Steffen Christmann, Winzer in der Pfalz, brachte es vor ein paar Tagen auf den Punkt: „Es regnet… Das braucht kein Mensch. Den ganzen Sommer hätten wir uns über jeden Tropfen gefreut, jetzt ist jeder Tropfen einer zuviel… Noch betrachten wir das mit einer ganzen Portion Gelassenheit, gleichzeitig steigt natürlich auch die Anspannung. Werden die Trauben das aushalten?“

Jetzt den richtigen Lesezeitpunkt finden

Unter diesen Bedingungen den richtigen Lesezeitpunkt zu finden, ist alles andere als ein einfaches Rechenexempel. In allen Lehrbüchern steht zwar recht eindeutig: Die Lese erfolgt, wenn die Trauben reif sind. Doch in der Praxis ist das alles viel verzwickter. Nicht nur das Wetter und die Wetteraussichten wollen berücksichtigt werden. Vieles hängt auch vom Weintyp ab, der erzeugt weden soll. So ist zum Beispiel für die Erzeugung von Süßweinen die späte Lese ein Muss, während die Trauben für trockene Weine in der Regel schon früher geerntet werden können. Die Trauben für hochwertige Weine werden später gelesen als die Basisqualitäten. Denn umso länger die Trauben am Rebstock verbleiben, desto zuckerreicher, aromatischer und geschmacksintensiver werden sie. Haben die Trauben im Reifeverlauf viel Wärme und Sonne abbekommen, erreichen sie viel früher hohe Süßewerte als in kühlen und regenreichen Jahren. Umso süßer sie jedoch werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Säurelevel abnimmt. Weil aber Säure Schwung und Vitalität in einen Wein bringt, wächst die Gefahr, dass dem späteren Wein Frische, Lebendigkeit und Trinkigkeit fehlen werden.

Die Risiken der Winzer

Die Winzer haben es also nicht leicht. Sie müssen mit der Tatsache leben, dass sie die verschiedenen Reifeparameter (neben Zucker und Säure ist das vor allem die Qualität der Gerbstoffe, Farbpigmente und Aromen) nicht alle gleichtig optimieren können. Sie sind gezwungen, Prioritäten zu setzen, Risiken einzugehen, Entscheidungen zu treffen und zu hoffen, dass das Wetter mitspielt. Sollte sich die aktuelle Regenphase fortsetzen, könnte es für die Top-Weine eng werden. Die Winzer müssen jetzt entscheiden, entweder die Trauben vorzeitig zu ernten oder auf trockeneres Wetter zu hoffen. Vieles hängt davon ab, ob sie dem Gesundheitszustand ihrer Reben zutrauen, die feuchte Witterung und den drohenden Pilzbefall ohne allzu große Blessuren zu überstehen. Wenn alles gut geht, können sie viel gewinnen, wenn nicht, aber auch viel verlieren.

Maschinen- oder Handlese?

Vielleicht wird der ein oder andere überlegen, Vollernter einzusetzen. Zwar werden die Trauben für alle hochwertigen Weine normalerweise per Hand gelesen. Doch unter schwierigen Witterungsverhältnissen kann die maschinelle Lese einen unschätzbaren Vorteil bieten: Die Maschinen, die auf hohen Rädern über die Rebzeilen fahren, ern­ten in einer Stunde, wozu sonst 30 Lesehel­fer nötig wären. Auf diese Weise ist es mög­lich, Regenpausen zu nutzen und die Trau­ben in kürzester Zeit ein­zu­bringen. Frei­lich muss das Lesegut, gerade wenn sich Pilzkrankheiten breit gemacht haben, von Hand vor­ver­le­sen wer­den. Denn Selek­tie­ren kann die Maschine nicht.

Anzeichen des Klimawandels

Das Weinjahr 2015 hält also für die Winzer zahlreiche Wechselbäder bereit. Viele sehen im ungewöhnlichen Witterungsverlauf klare Anzeichen eines generellen Klimawandels. In den meisten deutschen Weinlagen ist es während des vergangenen Jahrzehnts deutlich wärmer geworden. Die Reben treiben immer zeitiger aus und die Blühte beginnt bis zu 15 Tage früher als im Jahrhundertschnitt. In einem Jahr wie 2015 setzte sich dieser Beschleunigungseffekt bis zum Start der Lese fort. Noch in den 1950er Jahren wurde selten vor Mitte Oktober mit der Rieslingernte begonnen. 2015 lag der Lesebeginn um den 15. September, mancherorts sogar noch früher. 2015 dürfte sich also sicher als eins der absolut wärmsten Jahre in der Geschichte des deutschen Weinbaus entpuppen. Seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen des Jahres 1884 gilt bislang das Jahr 2014 mit einer mittleren Temperatur von 12,0 Grad als das wärmste. Im Gegensatz zu vielen südeuropäischen Weinbaugebieten (Italien, Spanien, Südfrankreich) und einigen Überseeregionen (Australien, Kalifornien…) scheint der Klimawandel Deutschlands Winzer bislang jedoch eher in die Karten zu spielen. Und auch für den aktuellen Jahrgang ist die Hoffnung durch alle Anbaugebiete hindurch riesengroß, erstklassige Weinqualitäten einkellern zu können. Wir dürfen gespannt sein.

Kommentare

  1. Klasse geschrieben!!

Ihre Meinung ist uns wichtig

*