Weinqualität – die Stärken der Leisen und Unaufdringlichen

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Ich hatte Euch versprochen, das komplexe Phänomen der Weinqualität weiter aufzudröseln. In diesem letzten Beitrag zum Thema will ich eine Positivliste herausarbeiten, nachvollziehbare Kriterien, die jeder für sich selbst anwenden kann, um jenseits persönlicher Vorlieben zu einem – nicht mehr ausschließlich subjektiven – Qualitätsurteil zu kommen. Ich verstehe das als Diskussionsangebot, offen für Wertungen und dynamisch für Weiterentwicklungen.

Balance

Harmonie und Balance bilden die Bühne, um Glanz und Schönheit zur Schau zu stellen. Will ein Wein besondere Qualitätsansprüche für sich reklamieren, muss er sich zuallererst die Frage gefallen lassen: Präsentiert er sich harmonisch, d.h. spielen Duft, Geschmack und Mundgefühl stimmig zusammen? Während das quantitative Zusammenspiel dieser Merkmale vor allem Aussagen über die Stilistik eines Weines zulässt (trocken oder süß, säurebetont oder säurearm, leicht oder schwer), lassen sich Güteaussagen allein auf der Basis der Qualität dieses Teamworking machen. Je harmonischer das Zusammenspiel der Elemente ist, desto besser können die eigentlich schönen Seiten eines Weines zur Geltung kommen. Dann können wir unsere ganze Aufmerksamkeit voll auf diese konzentrieren und werden nicht von Unstimmigkeiten welcher Art auch immer abgelenkt. Die Bühne für besondere Begegnungen ist bereitet. Ein balancierter Wein strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, er ist mit sich im Reinen. Aber es gibt kein absolutes Maß, welches das richtige Verhältnis bestimmt. Jeder Wein realisiert seine eigene, ganz persönliche und einmalige Harmonie – seine individuelle Kompositionslogik. Und jeder Genießer, wir alle begegnen dieser Kompositionslogik auf ganz persönliche Art und Weise, mit individuellen Präferenzen und einem ganz eigenen Harmonieideal.

Authentizität

Authentizität meint Echtheit, Unverwechselbarkeit und Ursprungsidentität. Authentischen Weinen merkt man in aller Deutlichkeit an, woher sie kommen. Sie haben eine Heimat, eine Geschichte und sie wurzeln in einem soziokulturellen Kontext. Das zusammen begründet ihre stilistische Originalität. In einer globalisierten, scheinbar grenzenlos gewordenen Welt wird das Originelle, Authentische, Unverwechselbare und Typische auf besondere Art und Weine wertvoll. Gleichzeitig unterliegt es unentwegt der Gefahr, vom Internationalisierungsstrudel und dem Diktat des Massengeschmacks erfasst und in seiner Originalität vernichtet zu werden. Da braucht es Winzer und Kellermeister mit Rückgrat, die den Versuchungen des Massenmarktes und des schnellen Geldes widerstehen, die sich beharrlich weigern, echte Perlen gegen Modeschmuck einzutauschen. Weingeschmack allein spricht vor allem unsere sinnliche Wahrnehmung an, Authentizität hingegen emotionalisiert und dringt zu unseren Herzen vor. Oder in den Worten der bekannten Weinpersönlichkeit Hugh Johnson: »Ich würde sogar einen schlechteren Wein vorziehen, wenn er mehr zu sagen hätte.«

Komplexität und Tiefe

Komplexität beschreibt das qualitativ obere Ende einer Bewertungsskala, die mit einfach, eindimensional und banal begonnen hat. Im Wein meint sie das komplexe, vielschichtige Zusammenspiel einer großen Vielfalt an Duft- und Geschmacksnuancen. Komplexe Weine haben eine Tiefe, die oft nicht leicht zu ergründen ist. Nicht selten wirken sie verschlossen und introvertiert und schwer zugänglich. Den Zugang scheinen sie nur denjenigen zu gewähren, die sich um sie bemühen, die eine gewisse Begegnungsarbeit nicht scheuen. Dann allerdings halten sie Schätze bereit.

Persistenz

Wenn man von einem Wein sagt, dass er »persistent« oder »lang« ist, so heißt das vor allem, dass man viel von ihm hat, dass also die Wirkungen, die er entfaltet, von großer Ausstrahlung sind. Keineswegs ist damit Intensität gemeint. Die besten Weine sind jene, die unaufhörlich flüstern.

Anmut und Eleganz

Zu Anmut und Eleganz gehören Ungekünsteltheit, Nonchalance und Leichtigkeit. Nur einer kleinen Minderheit unter den Weinen sind diese Privilegien vergönnt. Anmutige und elegante Weine entfalten gleich bei der ersten Begegnung einen wundervollen Zauber, sie wirken leichtfüßig, charmant und taktvoll zurückhaltend. Selbst wenn ihnen eine große Geschmacksintensität eigen ist, bewahren sie eine angenehm unaufdringliche, leise Art.

Bescheidenheit

Das ist eine Eigenschaft von Weinen, die sich als wundervolle Begleiter zum Essen und zu sozialen Ereignissen erweisen – im Gegensatz zu solchen, die unsere ganze Aufmerksamkeit einfordern. Auch wenn die Bescheidenen manchmal sehr viel Aufmerksamkeit benötigen, so schreien sie nicht danach, fordern sie nicht lauthals ein.

Verwunderung

Wow! Wie kann das bloß sein! Unvorstellbar schön! Derart in Erstaunen versetzt zu werden, ist ein besonderes Erlebnis und passiert nur im Falle außergewöhnlicher Weine.

Köstlichkeit

Wein muss schmecken – es reicht nicht, dass er komplex, balanciert, elegant und authentisch ist.

Fazit

Große Weine sind nicht nur köstlich, sie sind zugleich balanciert, komplex und tief, persistent, authentisch, anmutig, elegant und bescheiden und nicht selten versetzen sie uns in Erstaunen. Sie sind wie große Kunst: anspruchsvoll, spannend und verführerisch. Sie besitzen eine zeitlose Schönheit. Vom Betrachter verlangen sie Geduld und manchmal ein bisschen Begegnungsarbeit. Sie geben nicht alles sofort preis, sondern wollen entdeckt und erobert werden. Nur wer sich ein wenig Zeit für sie nimmt und ihnen achtsam und aufmerksam begegnet, wird in den Genuss kommen, mit all den vielen Facetten ihrer Schönheit Bekanntschaft zu machen. Große Weine sind eher leise, bescheiden und unaufdringlich, niemals laut, schrill und extrovertiert.

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