Fußball WM-Weine – Valpolicella zum Besänftigen

Veneto (1 von 1)Valpolicella, so wie ich ihn mag, ist ein überaus sanfter Wein – ein Wein, der besänftigen kann, nach zweifelhaften Schiedsrichterentscheidungen ebenso wie nach dem zweiten verschossenen Elfmeter. Wenn sich Unmut und Groll breit zu machen drohen, vermag ein Valpolicella die Wogen zu glätten, zu beschwichtigen und ja, auch ein wenig zu trösten. Zartes Hellrot und dezente Noten von süßen Kirschen, Beeren- und Holundermarmelade vereinigen sich in ihm harmonisch mit einem runden, geschmeidigen und ausgesprochen saftigen und ausgewogenenen Gaumenauftritt. Es sind keine schweren Weine. Weder Alkohol noch Tanningehalt treten massiv in Erscheinung. Ihr ganzer Auftritt hinterlässt stets einen überdurchschnittlich zarten und feinen Eindruck.

Dieser durch und durch italienische Wein hat seinen Namen vom Gebiet, dem er entstammt. Das Valpolicella liegt in den Bergen nördlich von Verona, nicht weit entfernt vom Gardasee. Das klassische Herzstück des Anbaugebietes trägt die Zusatzbezeichnung „classico“. Durch die Dolomiten und die Monti Lessini vor den kalten Nordwinden geschützt, wachsen die Reben hier auf einer Höhe von 70 bis 400 Metern. Der nahe gelegene Gardasee sorgt für einen wohltuenden Temperaturausgleich und die mineralienreichen Kalk- und Tuffsteinböden um die Weinorte Negrar, Fumane, Marano, Sant’Ambrogio und San Pietro in Cariano bieten den idealen Untergrund für feine Weine.

Seit jedoch mit dem Amarone und dem Ripasso zwei andere Weine an die Spitze der lokalen Weinhierarchie gestellt wurden, ist der Valpolicella, so wie ich ihn mag, vom Aussterben bedroht. Weil mit dem niedrigeren Rang nicht nur ein kleineres Image, sondern auch bescheidenere Preise einhergehen, produzieren die Winzer verständlicherweise vor allem jene Weine, die ihnen ein besseres Auskommen versprechen. Zudem scheinen Amarone und Ripasso veränderte geschmackliche Vorlieben nicht nur in Italien, sondern auch auf vielen Exportmärkten trefflich zu bedienen.

Valpolicella, Ripasso und Amarone sind drei verschiedene Weine ein- und desselben Gebietes. Auch die verwendeten Rebsorten sind identisch: Corvina, Corvinone, Rondinella und Molinara. Den entscheidenden Unterschied macht das jeweils besondere Herstellungsverfahren. Während die Bereitung des Valpolicella der für die Rotweinbereitung gängigen Machart folgt und im Grunde keine Besonderheiten aufweist, kommen für die Produktion von Amarone und Ripasso ganz spezielle Techniken zum Einsatz. Im Falle des Amarone werden separat selektionierte Trauben einige Monate im „Fruttaio“, einem Speicher mit vielen Fenstern, in Kisten oder auf Strohmatten solange antrocknen zu lassen, bis ein Teil des Saftes verdampft und der Zuckergehalt konzentriert ist. Das Ergebnis ist ein extrem dichter und konzentrierter Most, aus dem ein ebenso dichter wie alkoholstarker Wein wird.

Die Trester, die bei der Amarone-Produktion anfallen, werden nun nicht, wie ansonsten üblich, auf die Felder zum Düngen ausgebracht, sondern für die Ripasso-Bereitung zweitverwertet. Dazu spült man jungen Valpolicella über die Amarone-Trester und reichert sie dadurch mit deren Überbleibseln an Alkohol, Extrakt-, Aroma- und Gerbstoffen an. Das Ergebnis neben die Italiener „Ripasso“, also Wiederholung. Wenn alles gut geht, kann auf diese Weise ein konzentrierterer und komplexerer Wein entstehen. Werden jedoch keine hochwertigen Grundweine verwendet, wirken die Resultate nicht selten aufgemotzt, irgendwie künstlich und unausgewogen.

Meine Schwäche für den einfachen Valpolicella bleibt von diesen Moden unberührt. Mit ihm verbinde ich die Landschaft im Norden Veronas, meine frühen Aufenthalte am Gardasee, natürlich auch jede Menge Pasta und Pizza und mit ihm habe ich so manche Wunde heil geleckt. Ob der Valpolicella auch der passende Begleiter ist, wenn es in Brasilien gegen Italien geht, können nur Sie selbst entscheiden.

Meine persönlichen Favoriten: Accordini, Armani Albino, Bertani, Carlo Boscaini, Ca’ Rugate, Cavalchina, Corteforte, Dal Forno, Le Ragose, Novaia, Pasqua, Prá Graziano, Marco Speri

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