Bierzo – spanische Aufsteigerregion mit viel Ursprungsidentität

Ricardo PalaciosDie D.O. Bierzo und die dort heimische rote Rebsorte Mencia müssen als die wohl größten Entdeckungen in der jüngeren spanischen Weinbaugeschichte gelten. Binnen weniger Jahre hat sich dieses Tandem von einem unscheinbaren, wenig beachteten Mauerblümchendasein zu einer Ikone der internationalen Weinszene entwickelt. Nicht wenige Kenner sind überzeugt, dass die besten Bierzo schon heute von kaum einem anderen spanischen Rotwein an Komplexität, Fülle und Ausdruck übertroffen werden.

Aber der Transformationsprozess von einem ausschließlich für den lokalen Markt produzierenden Anbaugebiet hin zur Öffnung für den internationalen Markt, verläuft nicht immer reibungslos und geradlinig, sondern birgt neben allerlei Chancen auch Risiken und Gefahren. Gelingt es im Prozess dieses Wandels eine echte lokale stilistische Identität auszubilden und trotz aller Programmierung auf Erfolg den Blick für das Originelle, Unverwechselbare und Authentische nicht zu verlieren? Oder erliegt man der Gefahr, vom Internationalisierungsstrudel und den Versprechungen des Marktes fortgerissen zu werden und die stilistische Performance der Weine immer mehr den Anforderungen der neuen Märkte anzupassen?

Wie so viele andere aufstrebende Weinbaugebiete in der Welt, sehen sich auch die Produzenten in Bierzo diesen Fragen und Herausforderungen ausgesetzt. Nach allerlei Experimenten in den Anfangsjahren des Aufbruchs scheint man heute mehrheitlich die besonderen Schätze der Region erkannt zu haben und setzt deshalb alles daran, den besonderen lokalen Bedingungen in den Weinen Ausdruck zu verleihen.

Das knapp 5000 Hektar große, zwischen 400 und 800 Meter über Meereshöhe gelegene Weinbaugebiet befindet sich in der autonomen Region Kastilien-León im Nordwesten Spaniens. In Bierzo herrschen die Bedingungen und Einflüsse klimatischer und verwaltungsrechtlicher Grenzregionen. Nur wenige Kilometer westlich liegt Galizien, nach Norden hin ist es nicht allzu weit bis nach Asturien. Auch als klimatischer Grenzgänger ist das Gebiet unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt. Im Frühjahr und Sommer herrschen fast mediterrane Verhältnisse, während kühl-feuchte, von atlantischen Einflüssen geprägte Witterungen den Herbst prägen. Im Winter wiederum hat kaltes Festlandklima das Gebiet fest im Griff.

Pflanzt man Mencia in den fruchtbaren Ebenen des Gebietes, ist die Wahrscheinlichkeit hoher Erträge und einfacher Qualitäten ziemlich groß. Die meisten Premiumweine der Region entstammen indes älteren Anlagen aus höheren Hanglagen. Hier kommen die Rebstöcke nicht nur in den Genuss geringerer Erträge, längerer Reifeprozesse und größerer Differenzen zwischen Tages- und Nachttemperaturen, die mineralienreichen Schiefer- und Granitböden sorgen darüber hinaus dafür, dass die Weine bei aller Konzentration und Fruchtintensität einen elegant-frischen Charakter und eine komplexe Mineralität besitzen. Sie verbinden rassiges Temperament und lebhafte Energie mit Eleganz und Feinheit. Nur wenige Bierzo-Weine aus den Tälern entlang der Flüsse Cúa und Burbia erreichen die Klasse der Gewächse aus den höher gelegen Schieferlagen.

Einer der bedeutendsten Qualitätspioniere im Gebiet ist die biodynamisch wirtschaftende Kellerei Descendientes de J. Palacios. Der junge, aus der Rioja stammende und in Frankreich ausgebildete Winzer Ricardo Pérez Palazzos (siehe Foto) zeichnet verantwortlich für die bemerkenswertesten reinsortigen Mencias des Gebietes. Bereits Ricardos einfachster Wein, der Pétalos de Bierzo zelebriert Winzerkunst auf hohem Niveau. Pralle schwarze Kirschen paaren sich im Duftbild dieses Gewächses mit wilden Schwarzbeeren, roten Johannisbeeren, Rosenblättern und noblen Gewürzen. Am Gaumen schmeichelt er mit beeindruckender Dichte und Konzentration, ohne auch nur den geringsten Hauch von Schwere zu vermitteln. Im langen Finale treffen seidene Tannine auf salzige Mineralität und aufmunternde Frische. Die darüber liegenden Qualitäten aus dem Hause Palacios zählen zum Feinsten, was das Weinland Spanien heute zu bieten hat: Villa de Corullón, San Martín, Las Lamas, Moncerbal, Fontela und über allen thront ganz oben der La Faraona.

Dominio de Tares, ein anderer Pionier in Bierzo, geht mit seinen beiden Flaggschiffen „P3“ und „Bembibre“ stilistisch andere Wege. Auf qualitativ ebenfalls höchstem Niveau sucht das junge, kreative Team um Amancio Fernández, dem früheren Önologen von Bodegas Protos, seine Positionierung am Markt durch eine größere Nähe zum internationalen Mainstream. Die Weine präsentieren sich nahezu perfekt, sie wirken jedoch technischer, geschliffener und stärker vom Neuholz geprägt.

Hinter diesem Führungsduo haben sich weitere Produzenten (Bodega del Abad, Bodegas Estefania, Bodegas Gancedo, Losada, Bodegas Paixar, Bodegas Peique, Raul Pérez, Castro Ventosa, Vinos de Arganza) bereits gut aufgestellt, so dass man kein Hellseher sein muss, um dem Gebiet eine viel versprechende Zukunft vorher zu sagen.

Kommentare

  1. Wolfgang Banovits meint:

    Hallo Wolfgang,

    Dein Artikel macht wieder Durst auf Mencia. Eines Tages müssen wir mal Senor Perez in Bierzo besuchen.
    Wolfgang B.

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