Tessiner Merlot – Schweizer Wein-Juwele (Teil II)

Zum Glück ist der Weg von Graubünden ins Tessin nicht allzu weit. Er führt vorbei an eindrucksvollen Bergkulissen mitten hinein in die Landschaft der oberitalienischen Seen. Das Tessin ist der südlichste Kanton in der Schweiz. Hier wird italienisch gesprochen und die Ähnlichkeiten mit den übrigen Landschaften und Regionen des Landes sind nicht besonders groß. Mit seinem einzigartigen Klima gilt es als die Sonnenstube der Schweiz. Kalte Luftmassen aus dem Norden werden von den Alpen weitgehend zurückgehalten, sodass sich das warme Mittelmeerklima bis ins Tessin ausbreiten kann. Die durchschnittlichen Temperaturen sind mit 12° Celsius nur geringfügig frischer als diejenigen von Bordeaux. Als ausgesprochen günstig erweisen sich die vergleichsweise großen Schwankungen zwischen den Tages- und Nachttemperaturen in der letzten Reifephase im Herbst. Das ist einer der Schlüsselfaktoren für die komplexe Aromatik und die feine und elegante Art der besten Weine aus dem Tessin. Mit gerade einmal 100 Regentagen und 2300 Sonnenstunden werden die Bewohner von Locarno von der Sonne besonders verwöhnt. Andererseits machen die sommerlichen Unwetter mit ausgiebigen Niederschlägen den Winzern Jahr für Jahr schwer zu schaffen. Das grösste Problem im Tessiner Weinbau ist dann auch die allzu reichliche Wasserversorgung, die zu einem unerwünschten Reifeaufschub führen kann. Die besten Terroirs sind deshalb nach Süden ausgerichtete Einzelterassenlagen, bei denen die Rebe möglichst wenig Schatten ausgesetzt und für schnelle Verdunstung gesorgt ist. Mit schrägen Laubwänden, die Beschattung verhindern und den Belichtungsgrad erhöhen, kann die Reife zusätzlich verbessert werden. Dadurch wird die Verdunstung optimiert, so dass recht schnell ein leichter Wassermangel entsteht. Dieser fördert die Bildung einer größeren Farbintensität und reiferer Tannine.

Geografisch wird das Weinbaugebiet Tessin vom Monte Ceneri (554 m.ü.NN.) in zwei Bereiche aufgeteilt. Das kühlere Sopraceneri umfasst die gesamte Region nördlich des Monte Ceneri, während das wärmere Sottoceneri im Süden des Gebirgszuges nahe bei den Seen Maggiore, Lugano und Locarno liegt. Im Sopraceneri findet man mehrheitlich leichte, sandige und wasserdurchlässige Böden mit einem hohen Anteil an organischen Stoffen. Aber es gibt auch karge Bergregionen, wo die Rebstöcke größeren Belastungen ausgesetzt sind und die Trauben nur mit Schwierigkeiten – aber dann mit meist guter Qualität – zur Reife gelangen.

Im Sottoceneri enthält der Boden mehr Ton, ist schwerer und fruchtbarer. Vorherrschend sind hier alkalische Böden auf einer Unterlage kalkhaltiger Sedimente – ideal für eine gute Mineralienversorgung der Trauben.. Die besten Lagen befinden sich hier zwischen dem Lago Maggiore und dem Lago Lugano sowie Bellinzona und Locarno. Die wichtigsten Weinbauorte sind Arzio, Ascona, Bellinzona, Beride, Breganzona, Cademario, Corteggia, Lamona, Locarno, Lugano, Mendrisio, Monteggio, Purasca und Rivera. Dort, wo Orthogneis dominiert, fallen die Weine offener, zugänglicher und früher trinkfertig aus, dominiert Paragneis, dann entstehen tiefgründigere, tanninbetontere Weine von großer Mineralität.

Etwa 85 Prozent der Weinbergsfläche im Tessin ist heute mit Merlot bepflanzt. Diese Rebsorte kam wahrscheinlich vor etwa 100 Jahren aus Bordeaux in die Region südlich des Gotthards und hat dann allmählich eine ureigene regionale Typizität ausgebildet. Die Wissenschaftler Fantuzzi und Paleari konnten mit einer Reihe von Pflanzversuchen den Beweis erbringen, dass die natürlichen Rahmenbedingungen im Tessin den Bedürfnissen dieser Reborte geradezu entsprechen.

In den 1960er und 1970er Jahren, als vor allem leichte, süffige Rotweine sehr beliebt waren, unternahmen auch die Winzer im Tessin alle Anstrengungen, diesen Weinstil erfolgreich zu kopieren und den Markt mit großen Mengen einfacher Abfüllungen zu bedienen. Erst Anfang der 80er Jahre tauchte der ein oder andere kraftvollere, strukturiertere Wein auf und sorgte natürlich gleich für Aufsehen. Einer dieser Pionierweine, der mit der Tradition der allzu einfachen und gefälligen Merlots brechen wollte, führte die Umsturzgedanken bereits in seinem Namen. Der „Rompidée“ von Chiodi zählt mittlerweile zu den etablierten Stars des Gebietes und hat alles, was man von einem Topwein erwartet.

Nun erfolgte der Durchbruch für den Typus Tessiner Merlot, der mit den großen Rotweinen der Welt auf einer Stufe stehen wollte. Winzer wie Werner Stucky mit seinem legendären „ Tracce di Sassi“, Daniel Huber mit seinem nicht weniger legendären „Montagna Magica“, Adriano Kaufmann („Pio della Rocca“), Christian Zündel („Terraferma“ und „Orizzonte“) und Eric Klausener („Gran Risavier“) demonstrierten einer nach dem anderen, dass auf diesen Böden und dem Mikroklima bisher nicht gekannte Weine von grosser Eleganz, Harmonie und Rasse produziert werden können. Die Merlots dieser Pioniere haben bis auf den heutigen Tag Referenzcharakter. Ihnen gelingt es auf beeindruckende Weise, Kraft und Konzentration mit Tiefe, Eleganz und einem vergleichsweise niedrigen Alkoholgehalt zu verbinden. Nicht selten trifft man jedoch auch im Tessin auf eine überladene, allzu üppige und übermäßig von stark getoastetem Neuholz geprägte Merlotstilistik. Aber das ist letztlich weniger eine Frage der Qualität als vielmehr des persönlichen Geschmacks.

Neben diesen Reserve-Qualitäten erfreuen sich die im Stahltank oder in grossen Eichenfässern ausgebauten, traditionellen Merlots als preisgünstige, ungemein trinkige Alltagsweine immer noch großer Beliebtheit. Die Attraktivität dieses Merlot-Typs manifestiert sich in großer aromatischer Fruchtfülle mit allerlei Beeren- und Gewürznoten, einer ungemein rassigen, vitalen Struktur und einer verführerisch geschmeidigen Textur. Aufgrund der vergleichsweise geringen Tanninintensität benötigen diese Weine keine längere Entwicklungszeit in der Flasche, sondern können vom Tage ihrer Vermarktung an genossen werden.

Es ist schwer zu sagen, ob der Tessiner Merlot seinen typischen, originären Ausdruck bereits in einem der beiden Typen gefunden hat. In Punkto Qualität sind die besten Weine beider Stilrichtungen über alle Zweifel erhaben, nicht immer wird jedoch deutlich, worin sie sich von einem französischen, italienischen oder einem chilenischen Merlot unterscheiden. Enormer Zündstoff zu dieser Debatte geht jüngst von den Gewächsen eines früheren Lokomotivführers aus. Enrico Trapletti demonstriert eindrucksvoll, dass ein Spitzenmerlot auch gänzlich ohne Barriquereifung möglich ist. Wir dürfen gespannt sein, ob sein Beispiel Schule macht oder ob die Frage nach der Typizität Tessiner Merlots auch in der nahen Zukunft offen und diskussionswürdig bleibt.

Weitere empfehlenswerte Produzenten: Tenuta Bally & von Teufenstein, Chiodi, Angelo Delea, Gialdi, Kopp von der Crone, Tamborini, Azienda Mondò (Giorgio Rossi), Tenuta Vallombrosa

Kommentare

  1. Lieber Herr Staudt
    nochmals herzlichen Dank für Ihren Besuch und auch für Ihren Artikel. Viel ergänzen kann ich nicht, ausser bei den Weinbaugemeinden. Es gibt noch grosse Gemeinden wie Castel San Pietro, Novazzano, Coldrerio, etz.
    Zur Reife wär anzufügen, dass die gute Wasserversorgung dazu führt, das es kaum Wachstumsblockaden gibt. Bei uns ist der Merlot mit 80, 85 Grad Oechsle physiologisch reif (dh. bei gut 12vol%) . Das im Gegensatz zur neuen Welt, wo es manchmal auch bei 15Vol% Weine gibt, die noch grüne Tannine haben.
    Das Experiment mit Orthogneis und Paragneis ist spezifisch bei mir. Die Geologie im Tessin ist vielfältig, wobei die Meisten Böden sauer sind.
    ich Grüsse Sie recht herzlich Daniel Huber

Ihre Meinung ist uns wichtig

*