Bündner Herrschaft Pinot Noir – Schweizer Wein-Juwele (Teil I)

Marugg1 (1 von 1)Weine aus der Schweiz haben es in Deutschland vergleichsweise schwer. Sie gelten als teuer und deshalb trauen sich nur wenige Händler und Gastronomen, sie in ihr Sortiment zu nehmen. So bleiben die versteckten Schätze der Schweizer Weinwelt hierzulande den allermeisten Menschen verborgen. Dabei bieten die natürlichen Rahmenbedingungen mit zum Teil spektakulären Lagen herausragende, wenngleich aus Winzersicht ungemein anspruchsvolle Potenziale für den qualitativ hochwertigen Weinbau. Und wenn alles gut geht, entstehen in der Schweiz feinfruchtige, vitale und elegante Gewächse, die ein hohes Maß an Trinkigkeit bieten. Davon konnte ich mich gerade wieder einmal vor Ort überzeugen.

Mein erster Besuch führte mich nach Graubünden und damit in den größten und gebirgigsten Kanton der Schweiz. Diese uralte Kulturlandschaft liegt im Osten der eidgenössischen Republik und grenzt im Norden an Lichtenstein, im Osten an den Vorarlberg, im Süden an die Lombardei und im Westen an das Tessin. Dass in diesem Gebiet überhaupt Weinbau betrieben werden kann, ist wenig wahrscheinlich, wenn man die umliegende Bergwelt und die dort herrschenden Bedingungen betrachtet. Dennoch wachsen hier auf einer Fläche von rund 450 Hektar Reben. Das ist nicht viel, nämlich gerade einmal zwei Prozent der schweizerischen Anbaufläche. Aber fast 80 Prozent entfallen auf Pinot Noir, eine der wunderbarsten Varietäten überhaupt. Das milde Klima entlang des Rheins, der Föhn und die kalkreichen Böden behagen der Sorte ausgezeichnet. Und so ist Graubünden Freunden des Pinot Noir zurecht ein Begriff.

Die Wiege des Weinbaus in Graubünden befindet sich im Norden des Gebietes in der sogenannten Bündner Herrschaft mit den Gemeinden Fläsch, Maienfeld, Jenins und Malans. Hier, wo der Rhein noch ein schmales Rinnsal ist, sind die umliegenden Berge besonders hoch und der Föhn fegt als warmer Wind durch das Rheintal. Der Breitengrad entspricht dem des berühmten Vorbildes Burgund, allerdings stehen die Rebzeilen auf rund 500 Metern über Normalnull und damit doppelt so hoch wie im Burgund. Das bringt deutlich größere Differenzen zwischen Tages- und Nachttemperaturen und damit mehr Frucht und Frische in die Weine. Pinot Noir wird hier in verschiedenen Qualitätsstufen abgefüllt: Klassisch im Stahltank, im großen Holzfass, als Reserva im Barrique ausgebaut und – in homöopathischen Mengen – als Prestigegewächs.

Neben Daniel Gantenbein, dem international bekanntesten Aushängeschild für exzellenten Pinot aus Graubünden, haben sich in den vergangenen Jahren weitere Produzenten mit exzellenten Qualitäten in den Vordergrund gespielt. Dazu zählen vor allem Georg Fromm und Thomas Studach in Malans, Irene Grünenfelder in Jenins sowie Christian Hermann und Daniel Marugg in Fläsch. Die stilistische Bandbreite der Abfüllungen ist jedoch von Winzer zu Winzer recht groß. Während die Pinots von Irene Grünenfelder ausgesprochen burgundisch daher kommen und vor allem die Liebhaber einer gerbstoffbetonten, kühlen und fordernden Stilistik ansprechen, wartet Hermann mit wunderschön geschmeidigen, sanften und zugleich ungeheuer konzentrierten Pinots auf. Insbesondere seine Prestige-Abfüllung „H“ kommt ungewöhnlich dicht bepackt mit enormer Fruchtkonzentration daher und präsentiert sich mit ihren Noten von Kirschen, Gewürznelken, Vanille, Kaffee und Zimt so verführerisch und einnehmend wie ein edler Gewürzbasar. Ebenfalls muskulös, aber niemals korpulent oder aufdringlich fruchtsüß profilieren sich die Pinots von Daniel Marugg als ausgesprochen burgundisch. Vor allem seine komplexe, tiefgründige „Selection Bovel“ profitiert von mehrjähriger Flaschenreife. Weitere empfehlenswerte Vertreter sind: Davaz, Donatsch, Fromm, Thomas Marugg, Obrecht, Pelizzatti, Schloß Salenegg und Peter Wegelin.

Sucht man hinter diesen bewundernswert eigenständigen und qualitativ überzeugenden Pinot-Interpretationen nach dem gemeinsamen stilistischen Nenner der Bündner Herrschaft Pinots, so ist den Besten doch immer eine unverkennbare Feinheit und Eleganz eigen. Ihr Duftbild zeigt herrliche Himbeer- und Kirscharomatik, stets unterlegt mit feinster Mineralität, die das Ganze tiefgründig macht. Ihr Gaumenauftritt pendelt sich irgendwo in der Mitte zwischen burgundischer Strenge und deutscher Lieblichkeit ein. Im Mittelpunkt nimmt ein köstliches Fruchtbündel Platz, hinzu gesellen sich eine feine Säure, köstliche Süsse und ein cremig weicher, geschmeidiger Gaumenfluss. Diese Pinots schmelzen buchstäblich auf der Zunge dahin.

Kommentare

  1. Sehr gut und informativ – besten Dank, dass jemand für die etwas verkannten Herrschäftler eine Lanze bricht. Erlaube mir eine kleine Fussnote: Im Vergleich zu den gelobten Burgundern sind selbst die Weine der genannten Spitzenwinzer recht erschwinglich. Reservas erhält man vom Winzer im Bereich von 25 – 30 Euros, Prestige-Abfüllungen um die 35 – 40 Euros. Zuzeit geniesse ich die Jahrgänge 2006 bis 2008, Wunderschön gereift und balanciert. Viel Spass beim nächsten Glas Pinot aus Graubünden!

  2. Werner Freischläger meint:

    Prima Info! Ich bekomme gleich Lust hinzufahren. Na ja, ein bisschen wird’s schon dauern aber sicher nicht lange.

    Herzlichen Dank

    Werner Freischläger

Ihre Meinung ist uns wichtig

*