Hat Wein „Textur“?

Textur1 (1 von 1)Textur ist ein Begriff, der uns aus der Welt der Stoffe vertraut ist. Wir bezeichnen Seide als zart und glatt, Baumwolle als rau und uneben. Wenn wir also von Textur eines Stoffes sprechen, meinen wir im Kern seine Struktur und seine haptische Qualität in unseren Händen. Und wie ist das nun beim Wein? Hat Wein Textur?So wie wir ein Stück Stoff in die Hand nehmen, an unseren Fingern entlanggleiten lassen, um zu sagen, wie uns das Material gefällt, so können wir es auch mit Wein tun: Wir befühlen und ertasten seine Textur und Oberflächenbeschaffenheit und spüren den haptischen Eindrücken nach, wie er uns an Zunge und Gaumen berührt. Das ist die haptische Qualität eines Weines am Gaumen.
Diese Eindrücke resultieren aus dem Zusammenspiel der wichtigsten Weininhaltsstoffe: Restzucker, Säure, Alkohol und Tannin. Insbesondere bei Rotweinen geht ein Großteil der Wertschätzung, die wir ihnen entgegenbringen, auf das Mundgefühl zurück, das sie hervorrufen. Ich charakterisiere einen Rotwein, der von zu harten Tanninen dominiert wird, als rau, kratzig und grobkörnig.
Das ist dann entweder ein Zeichen noch jugendlicher Disharmonie, die mit zusätzlicher Reifezeit in der Flasche runder, gefälliger und geschmeidiger wird. Oder es handelt sich um einen schlecht gemachten Wein, der seine rauen, unharmonischen Seiten auch mit weiterer Flaschenreife nicht harmonisieren wird. Altersbedingte Auszehrungserscheinungen können bei einem Rotwein ähnlich unschöne Wirkungen entfalten. Dagegen gelten Weine, denen es an Säure oder Tannin mangelt, als flach, schlaff oder leblos.
Neben diesen Negativbeschreibungen gibt es eine Vielzahl positiver Begriffe für die Textur eines Weines. Ihre Verwendung ist weniger eindeutig als im Falle der Beschreibungen von Süße und Säure. Mit gesundem Selbstbewusstsein und einer Portion Intuition sollte uns die Wahl jedoch nicht allzu schwer fallen. In vielen Fällen liegt es an rein subjektiven Vorlieben, ob wir die Textur eines kalifornischen Chardonnay, der im Barriquefass vergoren wurde, als cremig, geschmeidig oder weich bezeichnen. Die Textur eines Bordeaux der Spitzenklasse ist nicht selten sowohl samtig als auch feinkörnig, fest und muskulös. Rote Burgunder in Bestform präsentieren sich seidig, glatt, geschmeidig und saftig, während ein Rheingauer Riesling meist saftig, rassig und kompakt daherkommt. Ein Südtiroler St. Magdalener ist ein zarter, ungemein seidiger und saftiger Wein, ganz anders als der feste, körnige und äußerst kompakte Barolo aus der Nebbiolo-Traube. Meist sind die Weine der Alten Welt weniger weich, opulent und muskulös als die Vertreter aus der Neuen Welt. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

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